Hilfst du mir fix, die Welt zu retten?

Wer nichts von langen Einleitungen hält, springt direkt 2-3 Absätze nach unten, um gleich zu erfahren, warum ich die Welt nicht retten will.

Für alle andern:

Vor ein oder zwei Jahren in den Geographie-Hallen unseres, jetzt ehemaligen Pampower Gymnasiums: Auf Ansinnen unsere begeisterten Lehrerin haben wir Gruppen gebildet, uns langfristig informiert und Meinungen geformt, die wir jetzt in Form einer Podiumsdiskussion präsentieren sollen. Das Thema? Nichts großes, nur die Weltprobleme Hunger, Armut und sonstige Ungerechtigkeiten.

Die Parteien sind vielseitig, „Brot für die Welt“ ist da, ein Vertreter aller Entwicklungsländer, europäische Aufsichtsbehörden und ich. Vertreter der reichen, aber abgrundtief bösen Industrienationen. Pah.

Da ich, trotz der intensiven Recherche meiner weiblichen Gruppenmitglieder wohl der einzige bin, der sich abseits ihrer 10 ausgedruckten und gelb unterstrichenen Zetteln, eine eigene Meinung bilden konnte, habe ich zudem das Vergnügen, als einziger vorne sitzen zu dürfen. Hallelujah.

Der Startschuss wird gegeben und es entfacht sich… naja, eine „Diskussion“, wie sie für eine 10. Klasse üblich ist. Nachdem ein Schüler sein Standpunkt vorgelesen (na gut, oder aufgesagt) hat, erwidert der nächste seinen Text, egal, ob es denn nun zu dem vorher Gesagtem passe oder nicht. Man merkt, die Spannung nimmt zu. Endlich, mein Part! Meine Meinung zu den Problemen der dritten Welt, jetzt zeig ich denen, was ich von der Larifari-Politik halte!Afrika dicht machen für Lebensmittellieferungen, sowohl rein als auch raus, Neutralitätspolitik und keine humanitären Wassertropfen mehr auf den riesigen, heißen Kontinent. Man ist empört.

Das Fazit der Arbeit: Man müsse etwas tun, Fairtrade (mehr bezahlen um gerechte Löhne zu ermöglichen), Spenden und auf billige Importe verzichten. Unsere Lehrerin strahlt, wie eine ganze Klasse so eben gelernt hat, wie man die Armut bekämpft und wie sich alle geeinigt haben, das Fairtrade doch toll ist. Nur ich bin am Kotzen.

Fairtrade? Bullshit, wer macht das denn? Sicher, alle finden´s toll, solange Mama und Papa die 50 Cent mehr für den Zucker bezahlen und ein gutes Gewissen gibt´s auch noch oben drauf. Aber würde sich ein Schüler lieber die Bockwurst für 1€,  oder doch eher die für 1,50€ hohlen? Was?! Unsern Wohlstand teilen? Und vor allem meinen?!

Die Naivität, mit der an diese Problematik herangegangen wird, mit der dieses Thema behandelt wird, ist übelerregend. 20 Mann verlassen die Klasse, haben gelernt, wie einfach es doch sei, mit Fairtrade, Spenden und ohne Importe aus Indien die Welt zu retten.

Klar, bezahl 50 Cent mehr für die Wurst. Das wird die Welt retten.
Komm, 5€ drauf für den fairen Handel, damit das T-Shirt auch fair bezahlt wird.
Und der Fernseher? Die 300€ als Hilfe für die Afrikaner macht das auch nicht fett.
Und die 5.000€ wenn´s um den Neuwagen geht?

Ich könnte wetten, spätestens beim T-Shirt steigt jeder aus, denn dann geht’s um seinen Wohlstand, nicht mehr um dieses schlecht greifbare Gewissen mit all den armen Menschen, die ihm diesen Lebensstandard ermöglicht haben. Denn Helfen heißt teilen, Mühe und Arbeit aufbringen und nicht im Geo-Raum sitzen und sagen „Ja, mit Fairtrade wär das ganz einfach.“

Es hat einen Grund, warum unserer Hosen und Fernseher und Handys und Möbel aus China und Indien stammen. Weil wir sie uns sonst nicht leisten könnten. Weil sie doppelt so teuer wären, wenn man den Arbeitern dafür einen gerechten Lohn zahlen würde. Und will irgendjemand, dass alles, was wir so lieb gewonnen haben, plötzlich das Doppelte kostet, damit die Arbeiter besser leben?

Fairtrade schön und gut, aber die Folgen bedenkt keiner. Wahrscheinlich weil man sagt „Feine Sache!“ und dann trotzdem bei „Gut und günstig“ bleibt.

Man beachte bitte, dass ich mich bei diesen Ausführungen nicht als Egoist sehe, der seinen Wohlstand gerne auch auf Kosten der armen Ausgebeuteten sichern will, sondern als Realist, der sieht, dass all die Leute die nach Gerechtigkeit, wie Fairtrade, schreien, blind sind. Gerechtigkeit kann man nicht nur mit den Ideen bewirken, nach denen sie kreischen. Man kann die Armut nicht bekämpfen, indem man Spenden gut findet. Um die Armut zu bekämpfen braucht es Opfer. Verdammt große Opfer. Und ich mache den ersten Schritt, ich sage, ich bin nicht bereit, dieses Opfer zu erbringen. Was kann ich für das Unglück anderer Menschen? Soll ich mich schuldig fühlen, weil ich zufällig in eine wohlhabende (relativ im Vergleich zu den Unglücklichen) Familie geboren wurde? Nein, die Chance werde ich doch nutzen.

Solange ich zu den reichen 10% der Weltbevölkerung gehöre, denke ich so. Und Schande,  noch mal hab ich ein Glück, dass ich nicht an Karma, an die Seele und an eine Wiedergeburt glaube, denn nur so kann ich es mir erlauben, so zu denken. So zu leben, dass ich mein eines Leben habe und es LEBE, so wie ich es kann. Dass ich es nutze. Und Schande noch eins, ja, dass ich es für mich nutze.

Bin ich deshalb ein schlechter Mensch? Wenn ich nicht denken würde, dass 99% aller meiner Mitmenschen auch so ticken, und es nur unter all den kleinen Gesten verbergen, mit denen sie ihr Gewissen beruhigen wollen, dann würde ich das kaum aussprechen. Aber ja, das ist ein äußerst unfeiner Charakterzug von mir. Aber wer mir das verübelt, soll sein Handy an einen Obdachlosen verschenken. Wer mich Egoist nennt, soll aus seinem Ein-Familienhaus ausziehen und es Bedürftigen überlassen. Wer sagt, dass er anders denkt, wer sagt, dass er seinen Wohlstand nicht behalten will, der soll etwas tun, seinen Worten Taten folgen lassen und beweisen, dass er seinen Reichtum teilen will. Und zwar nicht nur die 50 Cent mehr für die Bockwurst in der Schule oder an den Penner mit dem Schlapphut.

Von mir aus könnt ihr ausziehen um die Welt zu retten. Geht und helft und teilt. Und habt ein besseres Gewissen als ich, wenn ihr später am Ende des Weges seid und euch fragt, was die Leben, die ihr verbessert habt, bedeuten im Großen und Ganzen. Denn letztendlich war es euer Leben. Und letztendlich habt ihr nicht mehr als das.

Mit schlechtem Gewissen, wie immer,
Jansen

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3 Comments

  1. was ich kritisiert habe, ist nicht der egoismus – den gestehe ich mir hier ja ganz offen selbst zu – sondern dieses scheinheilige “helfen” aller anderen. Ich kann nur dran denken, wie, alle von der idee begeistert waren, einem typen, der um die welt fliegt und armen kindern schulsachen bringt, einen breif zu schreiben, wie toll sie ihn finden. damit wir auch was tun und so.

    aber du hast recht, dass ich wir selbst- statt nächstenliebe leben, aber eben deshalb, weil wir es uns erlauben können. Und wenn Hilfe schon keine aufopferung bedeuten muss, also statt des verschenkten handys auch weggelassene plastiktüte reicht, dann kommt wieder der punkt ins spiel, das alle das tun müssen, damit es etwas bewirkt. was utopisch ist, oder?
    Ich finde, ohne wirkliches opfer ist das helfen unehrlich. wenn es unbewusst nebenbei ist, kann das jeder, wenn er zufällig krombcher kauft, und damit den regenwald rettet. da fehlt die aufrichtigkeit.

  2. Und gerade der Umstand, dass du zu den reichsten 10% der Weltbevölkerung gehörst,
    entbindet dich nicht von deiner Pflicht zu helfen. In Bezug auf den verbrämten Egoismus und die Selbstliebe des Großteils deiner Mitmenschen hast du vollkommen Recht, da ist viel Heuchelei im Spiel. Aber du erkennst die Probleme und begründest dein Handeln, deine Meinung und Einstellungen letztlich mit dem selben von dir kritisierten Egoismus.
    Wer erst sprichwörtlich die Münder stopfen und sehen muss, wie er heute seine Existenz sichert, hat kaum Zeit für Moral. Sie steht in der Bedürfnispyramide des Menschen erst sehr weit oben und ist dem vollen Magen nachgeordnet. Verständlicherweise. Aber du und ich, wir leben in einem der reichsten Länder der Welt und in der Art, in welcher wir mit den Schwächsten umgehen, offenbart sich der Wert unserer Gesellschaft. Laut deiner Argumentation reduzierte sich dieser auf Selbst- statt Nächstenliebe. Helfen kann im Übrigen nicht Selbstzerstörung oder Aufopferung bis zum Äußersten heißen, sondern Unterstützung anderer im Rahmen der eigenen Möglichkeiten. Es reichte schon, würde nicht jeder blind konsumieren. Sich beschränken. Mal etwas weglassen, bewusst verzichten – auf eine Autofahrt, ein billiges Ramschprodukt, noch eine Extra-Plastiktüte beim Einkauf, ein Supersonderangebot oder die Entsorgung eines Lebensmittels nach dem Ablauf des vermeintlichen Mindeshaltbarkeitsdatums.

    Mit gedankenvollem Gruß
    Krasiwaja

  3. Däumchen hoch für den so schön nachvollziehbaren Argumentationsgang. 🙂
    Allerdings möchte ich bemerken, dass nicht alle 20 Schüler aus dem Unterricht gingen und diesen Müll, der mehr oder weniger mit einer eigener Meinungsbildung einherging, gut fand. Hilfe für die “armen” Länder wäre sinnlos in Form eines Preisaufschlages, da sich die Konsumenten eh den billigsten Anbietern zuwenden. Außerdem fehlt dem Preisaufschlag die Möglichkeit zu erfahren, ob das Geld wirklich den “armen” Ländern zu Gute kommt. Wer wirklich helfen will, der sollte sich seine Sachen schnappen und in einer Region direkt und ohne Umwege helfen, indem er selbst Hand anlegt. Auf diese Art und Weise kann man sein Gewissen befriedigen, den “armen” Menschen helfen, etwas erleben und das alles zu einem relativ geringem Preis, da in den jeweiligen Ländern der Euro oder Dollar weitaus mehr wert ist als die dort einheimische Währung. Aber wer ist bereit seine wervolle Zeit dafür zu opfern? Ich nicht. Es plagen mich auch genug Probleme, die zwar nichts mit Hunger oder Armut zu tun haben, aber dennoch müssen sie gelöst werden. Dabei wird mir auch nicht geholfen, außer von mir nahestehenden Personen. Jeder ist seines Glückes schmied. Hilfe von Freunden und Familie ist manchmal unumgänglich, aber Hilfe von einem Fremden? Mir ist Niemand bekannt der Hilfe von einem Fremden angeboten bekommen hat, einfach nur weil dieser helfen wollte so ganz ohne Hintergedanken. Worauf ich hinaus will ist folgendes: Ich kenne keinen Hilfsbedürftigen in einem “armen” Land und keiner von diesen Menschen kennt mich. Wir leben in verschiedenen Welten, die nicht gleich sein werden, solange der Mensch weiterhin so tolle Erfindungen wie den Rassismus oder Egoismus haben wird.
    Ich kann Jan also nur zustimmen: Neutralitätspolitik betreiben und warten wie sich die Wirtschaft und damit das jeweilige Land selbst heilt. Das mag unschön werden, aber es kann dann die eigene Wirtschaft erblühen.

    Mit mehr oder weniger Intelligenten Gedanken,
    Poser

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