Der Fremde von innendrin

Gehört mein Körper zu mir oder ich zu meinem Körper? Und – Was soll ich eigentlich hier drin? 

In gewisser Weise habe ich dieses Thema schon mal in früheren Artikeln angerissen, ich hoffe also, dass ich meine 2 Stammleser nicht mit alt Bekanntem langweile 😉

Wiedermal hat sich die Schule als eine nützliche Institution herausgestellt. Nicht nur, dass dank ihr das Meisterwerk „Ich und das Schicksal“ entstand, nein, auch ein weiterer Gedankengang ist nun entsprungen, diesmal aus dem Neurophysiologie-Bereich unserer Biostunde. Nachdem wir geklärt hatten, dass wir durch winzige Konzentrationsgefälle innerhalb unserer Nervenbahnen gesteuert werden (so viel zum freien Willen), beschäftigten wir uns danach mit dem Aufbau unseres Gehirns.

Graue und weiße Materie, einen Balken haben wir auch, ein Stammhirn und das alles geknetet und mit einer Schutzschicht verknüpft, die mit Fäden an der Schädeldecke hängt und wabert.

Bin ich wirklich der einzige, der ein seltsames Gefühl bekommt, wenn er sich vorstellt, dass das Innere seines Kopfes graue und weiße Materie, sprich Matsch ist, durch den Konzentrationsgefälle jagen? Dass ich einen Balken aus diesem Matsch habe, wegen dem das eine Gefälle von rechts nach links kommt und ich deshalb sprechen, schreiben und lesen kann? Man hat es zu oft in „Full Metall Jacket“ und Konsorten gesehen, wie so etwas an die Wand spritzt, aber so was ist verdammt nochmal in meinem Kopf, und da sitzt mein Bewusstsein? In grauem und weißem Matsch?

Dabei hört es nicht auf. Muskelkontraktion mit Auswirkungen auf die Bewegung als nächstes Thema. Das Gefälle jagt aus dem Matsch in einen Muskel, der sich zusammenzieht und meinen Knochen über eine Sehne nach oben zieht. Ich weiß ja, dass das die alltäglichste Natur ist, aber Sehnen sind an meine Muskeln und Knochen gebunden, die durch knorpelige Gelenke bewegt werden…

Das alles ist so abstrakt. Das ist meine Hand, alles in Ordnung, aber wenn ich sehe, aus was sie besteht, wie sie sich bewegt und was da alles passiert, dann… ist das verdammt komisch. Von den inneren Organen will ich gar nicht anfangen, was da alles hängt, und… arbeitet, damit ich lebe, die Leber, die Sekrete ausspuckt, die Lunge, bestehend aus unzähligen Bläschen, das Herz, dass sich zusammenfaltet und dann mit Blut vollsaugt… die unzähligen Adern, die sich durch alles ziehen… So etwas hat man nie gesehen, man hat keine Ahnung, wie das funktioniert, es ist einfach da drin und… arbeitet! Weiß Gott wie, es tut es. Und das es das völlig alleine tut, ist beängstigend.

Wenn ich vor dem Computer sitze ist die Rollenverteilung klar: Ich klicke, ich schreibe, ich sag an, was zu tun ist. Ohne mich startet sich kein Programm, wenn ich es nicht anlaufen lasse. Ich kontrolliere.

Aber mein Körper ist anders. Ich komme auf die Welt, lebe 7 oder 8 scheiß lange Jahre, bevor ich mitbekomme, dass da etwas in meinem Körper ist, und nicht nur die Süßigkeiten, die ich reinstecke und die auf wundersame Weise wieder heraus kommen. Alles andere als süß. Und das tat das System in mir 8 Jahre lang allein ohne mein Wissen. Und das tut es immer noch, ob ich will oder nicht. Ich bin ein Mechanismus, der wunderbar alleine funktioniert. Luft, Wasser, Essen, mehr braucht es nicht, um mich am laufen zu halten.

Wofür brauche ich dann mein Bewusstsein?

Bin „Ich“ als das System definiert, dass da in mir arbeitet oder bin „Ich“ das Genie, dass diese Artikel schreibt? Was braucht mein Körper meinen Geist, Nahrungssuche könnte sicher auch ohne freies Bewusstsein funktionieren, da reichen doch Instinkte oder Reflexe. Und was mache …“Ich“ dann hier oben, in dieser grauen Masse?

Ich möchte mich gerne als Gesamtheit sehen, als Körper und Geist, aber kann ich das, wenn der Körper ein so unglaubliches fremdes Wesen ist, von dem ich nur weiß, was ich in Büchern und Filmen gesehen habe? Wenn ich außer den paar Muskelzuckungen keinen Einfluss darauf habe, was er macht, nicht auf den Herzschlag, nicht auf die Körpertemperatur, nicht auf das Wachstum, auf nichts, was er macht. Was habe ich mit ihm zu tun, außer Gast in ihm zu sein?! Versetz mich ins Koma, versorge mich mit Nährstoffen und mein Körper ist glücklich. Weil er auch ohne mein Bewusstsein auskommt.

Vielleicht war es nur eine Abnormalität, dass sich bei uns ein Reiz so verirrt hat, dass daraus ein Bewusstsein geworden ist. Die anderen Tiere, die andern Systeme, die genauso problemlos laufen, hatten das halt nicht. Und so weit ich weiß, unterscheiden wir uns grundsätzlich von Tieren durch das Ich-Bewusstsein, dass wir haben. Ohne das wären wir organische Maschinen, gesteuert von Reflexen und Instinkten. Aber so haben wir – irgendwie – ein Bewusstsein, wozu auch immer.

Ich könnte den Gedanken weiterspinnen, dass unser Geist ein Parasit ist und unser Körper der Wirt. Aber das macht es irgendwie nicht erträglicher für mich, zu verstehen, dass ich in einem separaten, autonomen System stecke, dessen Verfallsdatum abläuft. Ich kann es zwar lenken und beeinflussen, aber nur in einem so geringen Maß, dass man sich fragen muss, ob der Körper meinem Geist zugeteilt wurde, oder mein Geist einem Körper. Denn eine Einheit scheint mir, so betrachtet, einfach unglaublich fern. „Im Körper meines Feindes“ heißt ein Film – aber in wessen Körper stecken wir hier eigentlich? Und was passiert mit uns, wenn die Haltbarkeit überschritten wird?

In diesem Sinne,

Mithilfe eines Körpers, den ich trotzdem mal mein eigen nennem

euer Jansen.

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One Comment

  1. der heilige Vater

    Schon erstaulich, wozu dieser graue und weiße Matsch so in Lage ist: kleine Elektronen so flitzen zu lassen, dass sich dieser Text in Gedanken materialisieren konnte (allein dieser Satz ist in sich widersprüchlich) und dann auch noch über den Umweg der Muskel, Sehnen und der vielen kleinen und kleinsten Knöchelchen über die Fingerspitzen, eine Kunststoff-Tastastur, weitere Elektronik bis in dieses, ebenfalls vor sich hin wabernden Medium “Web” zu speichern – und wieviel Zeit das alles gekostet hat.

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