Vom Ankommen und Weitermachen

In unserem Leben treiben uns ja eigentlich nur die Ziele an, die wir im Laufe der Zeit haben. Und auch wenn ich es verfluche, ist das doch etwas, das einfach essenziell für unser Dasein ist. Wir gehen in die Vorschule, um uns auf die Grundschule vorbereiten zu könne, um dann später einen guten Schulabschluss zu bekommen. Das tun wir, um eine Arbeit zu bekommen, damit wir arbeiten können, damit wir um Alter gut leben können. Um dann zu sterben. Das wir also so zielstrebig die Vorbereitung für unseren Tod treffen beweist sich in so ziemlich allem, was Hans von nebenan den lieben langen Tag tut. Und was man selbst tut. Weil man es braucht, diese Motivation, diesen Sinn, wenn wir im Leben und Bestehen sonst auch manchmal zweifel haben, der greifbare Erfolg, einen schönen Lebensabend zu verbringen ist etwas, das wir uns alle vorstellen und wünschen können. Und das treibt uns an.

Doch was ist, wenn man das erreicht hat? Wenn man in seinem Eigenheim mit seiner Liebe des Lebens sitzt, die Kinder, Enkelkinder und bekannte regelmäßig kommen und man es erreicht hat, den schönen Lebensabend. Wenn man kein Ziel mehr hat, für das man arbeitet, schuftet, leidet, lebt?

Das ist die Frage, die ich mir stelle, vor ich Angst habe. Nicht das ich am Ende meines Daseins nichts mehr zu tun habe, nein, es viel konkreter, viel näher.

Was wenn ich meinen Erzrivalen in Frohe Ernte überholt habe? Was tue ich dann, was habe ich als Ansporn um weiter zu machen?

Seit ungefähr einem Jahr habe ich Marty Hoffmann in meiner Freundesliste und damit auch in meiner Frohe Ernte Konkurrenz. Damals lernte ich ihn als den Besten Spieler kennen, den ich je gesehen hatte. Er war locker 20 Level voraus, hatte viel mehr Felder, viel mehr Geld, viel mehr Tiere. Ich wusste, ich würde ihn nie einholen, bei dem Vorsprung wäre das schlicht unmöglich. Später erfuhr ich, dass er seinen Vorsprung zu Teilen mit echtem Geld erkauft hatte, dass er Bauerngeld erworben und in Tiere, teure Pflanzen und neue Felder investiert hatte. Damit schien es besiegelt, er hatte das Geld, hatte die 20 Level voraus und alles was es brauchte, um an der Spitze zu bleiben. Aber ich weigerte mich, dass zu akzeptieren, ich schwor mir, ihn zu überholen, in in diesem zu schlagen, der beste in meiner Freundesliste zu werden. Und niemals aufzugeben.

Es dauerte lang und es war hart. Immer wieder jagte er mir davon, mit neuen Tieren, mit Freunden, die ihm bei Herausforderungen halfen, für die ich noch zu klein war. Während ich mich mit dem dritten der Liste bekämpfte, wuchs sein rang weiter und weiter.

Doch meiner auch. Auch mein Level stieg und stieg und zwar in einem Maße, dass dem seinen immer ähnlicher wurde.

Und jetzt, jetzt wird es langsam real. Nur noch 5.000 Erfahrungspunkte trennen unsere Plätze, ein Betrag, der so winzig scheint, in einem Bereich, in dem erst 20.000 Punkte einen Level machen. Es wird möglich, es ist möglich!

Doch was, wenn es dann tatsächlich wahr wird? Wenn ich meine violetten Bohnen ernte, auf die Rangliste schaue und sehe, dass ich, Jan Perkuhn, Marty Hoffmann überholt habe? Ich träume von dem Moment des Triumphs, von der Euphorie, die mich durchströmen wird. Wenn es geschafft ist. Wenn es real wurde.

Doch ich fürchte mich vor dem danach. Wenn ich gewonnen habe. Was dann?

Sicher werde ich mein bestes tun müssen, um an der Spitze zu bleiben, aber kann es das sein? Soll das „Überleben“ mein einziger Sinn bleiben?

Ich habe zwar bereits einen neuen Gegner, Bennet, der an Platz 1 mit 14 Leveln im voraus steht. Aber mit ihm verbindet mich nicht der selbe Hass, der selbe Ehrgeiz wie mit Marty Hoffmann. Es war meine Lebensaufgabe, Marty zu schlagen aber Bennet ist nur ein Suchti, der nichts besseres zu tun hat, als den ganzen Tag so ein dummes Browsergame zu spielen. Warum sollte ich mich bemühen, ihn zu überholen? Es gibt keinen Grund dafür.

Wenn ich morgens aufstehe und nicht zu erst daran denke, meine teiere zu ernten, damit ich alle 3 täglichen Fütterungen durchführen kann, was wenn ich in der 8. Stunde kaum mehr aushalten kann, weil meine violetten Bohnen doch schon 2 Stunden reif sind? Wofür stehe ich dann noch früh auf, gehe spät zu Bett, wenn nicht um die besten Anpflanzzeiten für den nächsten Tag zu erreichen?

Die Antwort scheint einfach.

Weitermachen.

Weitermachen mit dem, was ich getan habe, wenn ich kein Frohe Ernte gespielt habe. Mit dem, was drumherum war, die ganze Zeit. Egal wie leer es mir auch scheint, da ja jetzt der Kern fehlt, aber auch dieser Teil scheint es wert zu sein, dafür zu existieren. Die wenigen, die nicht Frohe Ernte spielen, scheinen es zu beweisen, auch wenn ihr Leben nicht annähernd so ausgefüllt ist, wie das der anderen.

Und eins hält mich doch zusammen. Mein Frohe-Ernte-Account wurde nicht erschaffen, um bei Level 106 geschlossen zu werden. Nein, mein Leben endet nicht bei Level 106. Das hatte ich nie vor, egal wie viele Marty Hoffmans ich noch überholen werde, mein Leben lässt sich nicht in eine Levelgrenze sperren, egal, wie groß die auch sein mag.

Wer weiß, was bei Stufe 200 passiert? Oder bei Level 500? Oder was, wenn ich alle Felder erschlossen habe? Niemand weiß es, das sind Unbekannte, Variablen in einem System, das mein Leben berechnet. Und ich will sie erforschen. Egal, auf was ich dabei stoße.

Und wer weiß, vielleicht sind 14 Level doch gar nicht so uneinholbar,wie sie anfangs scheinen.

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2 Comments

  1. der heilige Vater

    Löse dich von dem Übel und werde frei, Dinge in der realen Welt zu tun…
    und sehe dein Lebensziel nicht darin, ständig neue Ziele zu errichten, diese zu erreichen und zu überbieten – manchmal ist weniger mehr.

  2. Ähh…
    Wenn man erstmal hinter die Nerd-Fassade dieses Artikels geschaut hat, sind da einige sehr interessante Gedanken bei, aber ich glaube nicht, dass diese sich allen erschließen. 😉

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