Die Große Lüge unserer Bildung

Bildung geht jeden etwas an, sei es weil sie ihn formte (oder immer noch formt) oder weil sie seine/ihre Kinder formen wird und diesen die Grundlage für ein Leben in der Gesellschaft gibt. Doch regt man sich in seinem Leben wohl selten so viel über ein System auf, welches einem falsch, ungerecht, schlecht oder einfach desolat erscheint, aber an dem man eigentlich unmittelbar mitwirken könnte. Zu meiner eigenen Schande muss ich zugeben, dass ich während meiner Schulzeit nie wirklich ernsthaft nach einem Amt wie Klassensprecher gestrebt habe, zum Teil weil es einem in solchen Positionen meistens deutlich schwerer fällt seine Position klar darzustellen, da man eigentlich die Meinung einer Menge an Leute repräsentiert die vielleicht gar keine so extremen Vorstellungen haben. Rückwirkend muss ich sagen, dass es wo möglich keinen Unterschied gemacht hätte. Wichtig ist nur aufzustehen und seine Meinung zu sagen. Auch und vor allem als Elternteil!

Manch einer wird wahrscheinlich fragen, was man denn verändern möchte, die Schulbildung funktioniert doch und man selbst ist ja schließlich auch durch die Schule gekommen. Aber die Bildung funktioniert eben nicht! Es geht hier nicht um Frontalunterricht, Montessori, Waldorfschulen etc. – Sondern um den Grundstein unserer Bildung. Es ist unumstritten, dass Klassen in staatlichen Schulen viel zu groß sind, die Lehrer zu alt und nicht ausreichend Lehrmaterial vorhanden ist. Von der Bezahlung der Lehrkräfte ganz zu schweigen! Ich finde Lehrer sollten genauso viel Gehalt bekommen wie z.B. Ärzte, Architekten und Ingenieure, weil sie einen genauso wichtigen Beitrag zur Gesellschaft leisten, wie eben diese. Man könnte es als Zukunftsinvestition, Rentengarantie oder, wie es der Staatsman ausdrücken würde, als Generationenvertrag bezeichnen. Jedoch sollten im Gegenzug nur die fähigsten Lehrer unterrichten dürfen. (Was sich in Zeiten des Lehrermangels leicht sagt)Was ich damit sagen will ist eigentlich, dass viele bisherigen Ansätze (z.B. komplett freier Unterricht bzw. nur Frontalunterricht) keinen Erfolg verheißen. Genauso das strikte arbeiten nach einem Lehrplan. Beim ersteren ist es ganz klar: Mathematik unterrichtet sich nun mal am besten in dem was man Frontalunterricht nennt, was den Lehrer nicht von der Pflicht enthebt auf Schüler einzugehen und sie mitzunehmen. Hingegen sollten Naturwissenschaften mehr einen experimentellen Charakter tragen, Sprachen und Geisteswissenschaften mehr einen philosophischen. Mitunter wäre es aber auch nicht verkehrt in der Muttersprache den jungen Erwachsenen nicht nur mit Gewalt einige alte Werke näher bringen zu wollen, sondern auch einmal praktisch anwendbare Dinge anzugehen. Wie z.B. die Kunst der freien Rede, Schreiben einer wissenschaftlichen Arbeit oder allgemeines Sprachgeschickt. Ohne Frage finden sich solche Dinge in den Lehrplänen wieder, dennoch fallen sie deutlich kürzen aus, als Interpretationen und Analysen! Ehrlich gesagt würde es mich tatsäch interessieren, wei viel Menschen wirklich diese Art des Schreibens je wieder gebrauchen? Ich denke die Verteilungen sind den meisten aber dennoch ziemlich klar.

Und schon sind wir bei der Lüge unserer Bildung: Der Satz “Ihr lernt nicht für die Prüfung, sondern fürs Leben.” verfehlt nur die Spitze der Top-Lehrer-Lügen, weil er von “Das braucht ihr später im Abitur/im Studium/in der Lehre” überholt wird. Warum wird man im Leben immer auf später vertröstet? Warum zwängen wir uns selbst ein Lernsystem auf, welches entgegen der Funktionsweise unseres Gedächtnisses läuft? Es ist nicht dazu geeignet Unmengen von abstrakten Wissen zu speichern. Unser Gehirn will verknüpfen, Anwendungsfälle generieren und verstehen! Was wäre so falsch daran am Anfang eines Halbjahres/Semesters ein Problem oder eine Frage zu stellen, welche man im Verlauf dann mit den Schülern löst? Natürlich passt dies nicht in den alt meisterlichen Schulplan und natürlich bräuchte man dazu mehr Zeit für ein Fach. Aber warum nicht nehmen? Weshalb sollte man kein Blockunterricht machen, also in einer Woche arbeitet ein Schüler an maximal 2 Projekten gleichzeitig z.B. Am besten natürlich fächerübergreifend. Nein stattdessen hört man Sachen wie: “Das hattet ihr bereits letztes Jahr.” oder “Das werdet ihr nächstes Jahr im Unterricht besprechen.” (Platz 3 und 4 im Lügen-Ranking) Auch mir ist klar, dass auch dieses System Grenzen hat und diese Form soll keine Freiarbeit sein, sondern ein durch Lehrer und Schulpsychologen betreutes Projekt in kleinen Schülergruppen. Gewissen Grundlagen müssen natürlich vorhanden sein und so wird dieses Problem-Based-Learning wohl nur schwierig in der Grundschule umzusetzen sein und es würden viel mehr Lehrer gebraucht und mehr Schulsozial-Arbeiter und mehr Material für Schulen. Wie sonst sollte man Quadratische und Expotenzionelle Funktionen an Hand von ABS-Systemen erklären können? Wobei man natürlich die Trägheit, Stoßeffekte (falls man nicht mehr rechtzeitig bremsen kann), Hydraulik (Funktion der Bremsen), Psychologie (Bremsverhalten, agressiveres Fahren durch Vorhandensein des ABS etc.) und vielleicht auch die praktische Umsetzung des Assistenzsystems mit einbeziehen könnte. Wie immer kommt es natürlich auf Interessen und sonstige predispositore Faktoren an, doch wenn so ein “Fach” gut von einem Lehrer geleitet wird, wird es im Gedächtnis der Schüler bleiben.

Ich sprach hier bisher nur von der Schule und meiner meistens glücklichen Zeit an einem Dorf-Gymnasium und später an einer Kooperativen Gesamtschule, welche nicht zu letzt durch einige hervorragende Lehrer und ein sehr enges Klassenkollektiv so wurde, wie sie war. Doch ohne Probleme lassen sich diese Dinge in ein anderes Umfeld, wie z.B. die Universität transponieren. Auch hier hindert die allgegenwärtige Angst vor Veränderung einen Prozess der Evolution in der Bildung, was sehr schade ist. Aber viel trauriger wäre es, wenn man denken würde, das dies nicht zu ändern ist.

Auch wenn es nun nicht mehr ganz Sonntag ist
wünsche ich euch einen schönen Start in die Woche 🙂

Euer Martin

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